Ministranten – „Lichtträger auch im Alltag“

Im Vorfeld des am 15. Juni 2008 in Altenberg stattfindenden Diözesan-Ministrantentages hat der Pressedienst des Erzbistums Köln ein Interview mit Dr. Patrick Höring, dem Referenten für die Ministrantenseelsorge geführt.

PEK (080604) – Ministranten verrichten einen elementaren Dienst in der Gemeinde. Über ihre Motivation, ihre Aufgaben und die Chancen des Dienstes für die jungen Leute berichtet im folgenden Gespräch Dr. Patrick Höring, Referent für Ministrantenseelsorge im Erzbistum Köln.

PEK: Dr. Höring, Ministranten im Gottesdienst sind ein vertrauter Anblick. Wie viele Ministranten gibt es im Erzbistum Köln derzeit?

Höring: Wir haben schätzungsweise rund 30.000 Ministrantinnen und Ministranten, dabei sind die Mädchen leicht in der Überzahl, vor allem bei den jüngeren Jahrgängen. Die größte Gruppe stellen die „Minis“ zwischen 9 und 12 Jahren. Auch beim Ministrantentag sind die „Minis“ die größte Gruppe – ungefähr 50 Prozent. Die nächste Gruppe sind die „Midis“, 13 bis 15 Jahre, und schließlich die Älteren ab 16 Jahren, bei uns „Maxis“ genannt. Sie stellen jeweils 25 Prozent der Teilnehmer.

PEK: Gibt es feste Regeln, wer ab wann Ministrant werden kann?

Höring: Ministrant/-in kann jeder getaufte Katholik werden. In den deutschsprachigen Diözesen ist es üblich, nach der Erstkommunion in den Dienst einzutreten. Dahinter stecken weniger sakramentaltheologische Gründe, vielmehr bedarf es einer gewissen persönlichen „Reife“. Die Dramaturgie der Gottesdienste, vor allem der Messfeier, ist doch recht komplex. Auch manchen 10-jährigen fällt es schwer, sich in das Gottesdienstgeschehen angemessen einzufügen. Deshalb wachsen die jungen Ministranten schrittweise in ihren Dienst und bekommen jede mögliche Unterstützung. Günstig ist – rein praktisch – die Zeit nach der Erstkommunion: Durch die Erstkommunionvorbereitung haben die Kinder gelernt, katechetisch zu arbeiten. Viele Kinder sind nach der Erstkommunion hoch motiviert, sie wollen sich einbringen und haben erste konkrete Erfahrungen in einer Gruppe und mit dem Feiern von Gottesdiensten gemacht. So kann es – für den, der will – nahtlos weitergehen.

PEK: Welche Aufgaben haben Ministranten im Gottesdienst?

Höring: Sie sind die sichtbare Beteiligung des Gottesvolkes am liturgischen Geschehen. Ihre unmittelbare Beteiligung im Altarraum macht deutlich, dass Gottesdienst nicht das Tun eines Einzelnen ist und die Gläubigen sich nicht nur durch Zuhören, gelegentliche Antwortrufe und Gesänge beteiligen können. Gottesdienst ist das Tun des „ganzen Christus“. Genau dieser Gedanke leitete die Liturgiereform nach dem Konzil, deren Motiv die „tätige Teilnahme“ der Gläubigen ist. Ministranten/-innen verdeutlichen das Mitwirken der Gemeinde auch durch ihre aktive Assistenz: Sie bringen alle wichtigen Gegenstände und Utensilien herbei. Sie helfen auch bei der Kommunikation während der Gottesdienste. Ihre wechselnde Körperhaltung, ihr Gesang und die gegebenen Antworten geben der Gemeinde wichtige Signale und leiten sie. So weiß jeder, wann auf gestanden, sich hingesetzt oder gekniet wird. Das ist vor allem dann wichtig, wenn Menschen dabei sind, die nur gelegentlich Gottesdienste besuchen. Wenn sich Kerzenträger um den Ambo, das Lesepult, stellen, sieht jeder: Hier beginnt etwas Wichtiges – nämlich die Verkündigung des Evangeliums. Eine weitere Aufgabe darf nicht unterschätzt werden: Ihr Auftreten, die gemessene Bewegung, die koordinierten Abläufe, die gleichen Gewänder unterstreichen ganz wesentlich den feierlichen Charakter der Liturgie. Ohne sie wäre es viel nüchterner.

PEK: Warum engagieren sich eigentlich Kinder und Jugendliche als Ministrant, als Ministrantin? Was macht den Ministrantendienst so „besonders“?

Höring: Es ist die attraktive und unkomplizierte Gelegenheit, dass Kinder ganz nah am Geschehen dabei sein können. Sie können Verantwortung und eine wirklich wichtige Aufgabe übernehmen. Damit wird schon erkennbar, dass dies kein „Kinderkram“ ist, sondern eine tolle Möglichkeit, die man sich nicht besser ausdenken könnte. Für die Kinder ist es zunächst spannend, ein Gewand anzuziehen, in Teile der Kirche zu gelangen, die sonst unzugänglich sind, wie die Sakristei. Viele finden es schlicht interessanter, im Gottesdienst mehr tun zu können als nur „in der Bank zu sitzen“. Und ich stelle an meinen eigenen Kindern fest: Sie sind aufmerksamer dabei, wissen selbst nach dem Gottesdienst noch, worum es in der Predigt ging. Ein attraktives Profil der Ministrantengruppe sollte hinzukommen; die Gruppe sollte neben dem Dienst im Gottesdienst eine gewisse Identität bekommen. Dabei besteht die Kunst darin, immer wieder neue Akzente zu setzen und damit über Jahre hinweg den Dienst und das Zusammensein interessant zu gestalten. Wenn der Ministrantendienst nicht zur Routine erstarren soll, müssen die Ministranten auch Gelegenheit bekommen, ihn immer wieder neu zu erleben. Das kann durch schrittweises Hinführen zu neuen Diensten – etwa Weihrauch-, Kreuzträger- oder Lektorendienst – geschehen. Oder durch ein bewusstes Erleben des Jahres, in dessen Verlauf die verschiedenen Facetten der Liturgie zum Tragen kommen. Die liturgischen Schwerpunkte können gut begleitet werden etwa durch jahreszeitentypische Freizeitaktionen – da ist der Phantasie keine Grenze gesetzt.

PEK: Welchen Anforderungen müssen die „Kandidaten“ gerecht werden?

Höring: Die Anforderungen an Interessenten sind zunächst ganz praktisch: Man muss eine zeitlang still sitzen oder stehen können. Das fällt Kindern im Allgemeinen nicht leicht. Von meinen eigenen Kindern bin ich dennoch überrascht, dass es ihnen im Gottesdienst offenbar gelingt. Ansonsten aber ist es ein Dienst für jeden und jede – und das ist das Schöne daran!

PEK: Und wie lernt man ministrieren?

Höring: Durch das Tun. Und durch schrittweise, altersgemäße Erklärung und Deutung dieses Tuns. Das Praktische ist bald erlernt. Mit zunehmendem Alter wird es immer wichtiger, das Tun auch zu deuten: Wozu braucht es Weihrauch? Wozu braucht es Lichtträger? Von dort ist es nicht mehr weit bis zur Frage: Wo bin ich selbst ein Lichtträger in meinem Alltag?

PEK: Ein Blick über den Bereich der Liturgie hinaus: Wie wirken Ministranten im Gemeindeleben?

Höring: Da ist zunächst die Familie: Ich muss leider sagen, dass viele Ministranten und Ministrantinnen von ihren Familien wenig unterstützt werden. Wenn der Kirchgang selbstverständlich ist, bleiben die Kinder häufiger dabei. In manchen Fällen kann ein Ministrant aber nahezu missionarisch wirken, wenn durch sein Engagement die Eltern wieder häufiger kommen und so neuen Zugang finden. Häufig sind Ministranten über den Gottesdienst hinaus auch im Gemeindeleben aktiv. Das muss sich nicht in großen Einzelaktionen äußern. Allein dass junge Christen regelmäßig zusammen sind, dass sie den Dienst in ihren Alltag integrieren, stärkt sie. Damit kann es auch ganz natürlich zu einer inhaltlichen Auseinandersetzung mit Glaubensfragen kommen, die nicht durch den Unterricht oder einen Erwachsenen angeleitet wird. In vielen Gemeinden wirken Ministranten ganz konkret mit: im Pfarrgemeinderat, im Kirchenvorstand, im Liturgieausschuss, aber auch in Aktionen, Projekten, bei Festen usw.

PEK: Auch Prominente aus Wirtschaft, Gesellschaft und Medien erwähnen oft beiläufig ihre Erfahrungen als Ministrant. Welche Fähigkeiten werden beim Ministrieren geschult?

Höring: Wer regelmäßig Gottesdienst an so exponierter Stelle mitfeiert, wird im Glauben gestärkt. Das spürt man in vielen Äußerungen Prominenter. Ministrant bleibt man eigentlich lebenslang. Es entwickelt sich eine innere Haltung: Das reicht von Pünktlichkeit, Aufmerksamkeit, Voraussicht, Rücksicht auf Jüngere auch mal bis zu unkonventionellem Eingreifen, wenn etwas schiefgeht – in moderner Sprache könnte man das „soft skills“ nennen. All das sind Eigenschaften, die in einer Gesellschaft unabdingbar sind, wenn sie menschlich sein soll und sich dem christlichen Geist verbunden fühlt. Wer sich als Gruppenleiter/-in engagiert, lernt auch ganz praktische Fähigkeiten für die Freizeitgestaltung: Zelt aufbauen, Lagerfeuer, Spielregeln erklären, Busfahrpläne lesen – Dinge, die junge Menschen selbstständig machen und sie versichern, später ihr Leben zu meistern. Die vielfältigen Kursangebote des Erzbischöflichen Jugendamtes oder der Verbände geben Gelegenheit, s
ich auszuprobieren.

PEK: Wäre es ganz falsch zu sagen: Ministrieren ist auch ein Hobby?

Höring: Für viele ist es ein Hobby unter anderen. Es nimmt – wie alles andere auch – Zeit in Anspruch, von der Kinder und Jugendliche immer weniger frei zur Verfügung haben. Insbesondere die Angebote der Ganztagsschulen und, für die Gymnasiasten, die Anforderungen des 8-jährigen Abiturs stellen ein handfestes Problem für den Ministrantendienst dar. Die Schulangebote dehnen sich zunehmend auf die Nachmittagsstunden aus. Viele Sportvereine verlegen ihre Angebote auf Samstag oder Sonntagmorgen. Da stehen viele Kinder vor der Wahl; oft können sie beides nicht zeitlich miteinander vereinbaren.

PEK: Hat denn das Erzbistum Köln Nachwuchsprobleme bei Ministranten?

Höring: Keineswegs, im Gegenteil! Und unser Anliegen ist es, der Einsatzbereitschaft Gelegenheit zu verschaffen. Allerdings hat sich in den letzten Jahren eine problematische Entwicklung abgezeichnet. Im Zuge der veränderten pastoralen Strukturen werden in der Summe weniger Gottesdienste gefeiert und damit gibt es rein quantitativ weniger Einsätze für die Ministranten. Da passiert es schnell, dass die Kinder und Jugendlichen ihre Motivation verlieren und sich abwenden, denn erst der regelmäßige Einsatz und der stete Kontakt zu den „Ministrantenkollegen“ stiftet Gemeinschaft. Als Ministrantenreferent hoffe ich, dass bei der Entwicklung neuer Pastoralkonzepte in den Pfarrverbänden kreative Ideen entwickelt werden, wie man mehr Minis tranten einsetzen kann. Hilfen dazu geben wir gern. Es wäre ansonsten eine vertane pastorale Chance.

PEK: Worin besteht diese pastorale Chance bei der Ministrantenseelsorge?

Höring: Wie bei allem, was wir in der Jugendarbeit tun, so besteht auch hier die Möglichkeit, Menschen für ihr Leben positiv zu prägen, ihnen Erfahrungsfelder zu öffnen, die sie bereichern und stärken. Im Blick auf das Feiern von Gottesdiensten, das durchaus erlernt werden will, gelingt das nirgends leichter als dort, wo Kinder schon im Gottesdienst aktiv dabei sind.

PEK: Wo sehen Sie derzeit Chancen; aber auch Schwierigkeiten für eine auch zukünftig gute Entwicklung des Ministrantendienstes?

Höring: Die Problematik der Ganztagsschule, die ja auch andere Felder der Jugendarbeit trifft, habe ich schon genannt. Im Blick auf den liturgischen Dienst stelle ich fest, dass Ministranten immer seltener außerhalb der Sonntagsmesse Dienst tun. Ich selbst durfte noch wichtige Erfahrungen als Jugendlicher durch den Dienst bei Beerdigungen, Taufen und Hochzeiten sammeln. Vielen ist dies heute nicht mehr möglich. Oft berücksichtigt die wöchentliche Terminplanung nicht die Möglichkeiten der Kinder und Jugendlichen. Allerdings ist dieser in Kauf genommene Verzicht auf die Ministranten eine Herabstufung des liturgischen Anspruchs, der sich auf Dauer nur negativ auswirken kann. Oft wird auf Ministranten verzichtet, weil der Gottesdienst entweder von einem Laien geleitet wird oder es keine Messfeier ist. Doch ihr Dienst ist nicht exklusiv an den Priester gebunden. Auch Wortgottesdienste, Andachten und Vespern bedürfen des feierlichen Rahmens durch die Ministranten. Sie symbolisieren die Gemeinde im Altarraum unabhängig von der konkret gefeierten liturgischen Form.

PEK: Herr Höring, danke für das Interview.

Ein Kommentar to “Ministranten – „Lichtträger auch im Alltag“”


  1. Fotos vom Messdienertag 2008 findet man seit gestern auf unseren Seiten.

    Viel Spaß damit!
    Beste Grüße
    Hendrik


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